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# Pawlowitsch in Frau Winkler verlässt das Haus
- URL: https://www.tropes-on-nursing.de/pawlowitsch-frau-winkler-verlasst-das-haus/
- Published: 2026-10-18T15:34:11.000Z
- Updated: 2026-10-18T15:34:11.000Z
- Description: Frau Winkler wird pflegebedürftig und bekommt einen Pflegeroboter. Was hat uns der Film über Pflege zu sagen, und was nicht? Eine Filmanalyse.
- Author: Beatrice Haberger
- Tags: Film

#### ****Steckbriefbox**:

Titel: Frau Winkler verlässt das Haus  
Regie: Doris Dörrie  
Erschienen: 2026  
Setting: Häuslichkeit  
Pflegefigur: Pflegeroboter  
Zeit: nahe Zukunft

In einer nahen Zukunft kehrt Frau Winkler (Angela Winkler) nach einem Krankenhausaufenthalt pflegebedürftig zurück nach Hause. Sie kann ihren Alltag nicht mehr selbstständig bestreiten, ist auf Hilfe angewiesen. Sie schläft in einem Pflegebett, benötigt Inkontinenzmaterial und Hilfe bei der Körperpflege. Sie schämt sich und beklagt sich darüber, eine Last zu sein. Zunächst ist es ihre Tochter Emi (Laura Tonke), alleinerziehende und berufstätige Mutter, die sie zu Hause unterstützt, bis diese wegen zunehmender Überforderung und beruflichem Druck einen Pflegeroboter organisiert. Frau Winkler sträubt sich zunächst, lässt sich aber irgendwann auf ihn ein. Mit seiner Hilfe schafft sie es, ihre Vergangenheit zu reflektieren und einen Abschluss zu finden.

Der Film befasst sich mit großen Fragen über das Leben, das Sterben, die eigene Verletzlichkeit. Dabei werden zwei Diskurse aufgegriffen, die unsere Gegenwart prägen: der Pflegenotstand und der technische Fortschritt durch KI. Beide werden zusammengeführt in die seit Jahren immer wieder beschworenen Pflegeroboter.

Eine neue Vision oder Idee wird dem Pflegediskurs jedoch nicht hinzugefügt.

Trailer

## **Neue** Technik, alte Probleme

Frau Winkler lebt in einer Umwelt, die noch technologisierter ist, als unsere Gegenwart. Kühlschränke informieren ungebeten über Haltbarkeitsdaten und Nährwerte. KI-Chatbots werden um den Hals getragen und melden sich bei Bedarf selbstständig zu Wort. Roboter sind ein fester Bestandteil im Dienstleistungssektor: sie liefern, sie servieren, sie babysitten, sie gehen mit dem Hund Gassi und sie pflegen.

Gleichzeitig sehen wir aber, dass Frau Winklers Tochter Emi das Klo noch von Hand putzen muss. Mütter müssen sich weiterhin zwischen Beruf und Familie zerreiben, da die Arbeitswelt auch in der nahen Zukunft keine Rücksicht auf familiäre Verpflichtungen nimmt. Und auch ein intelligenter Kühlschrank kann leer sein, und man muss in der Wohnung frieren, wenn man sich die Heizung nicht leisten kann. Und der Pflegeroboter mag zwar von „der Kasse“ gestellt werden, die kostspieligen Updates müssen jedoch aus eigener Tasche bezahlt werden.

Viele Probleme unserer Gegenwart bestehen also trotz des technischen Fortschritts weiter.

Dafür ermöglichen die futuristischen Technologien neue Regulations- und Kontrollmechanismen. So wird Frau Winkler im Restaurant aufgrund eines vergangenen Alkoholproblems der Wodka verweigert – man muss sich bei seiner Bestellung mit seiner Versicherungskarte ausweisen, und wenn es in der Versichertenakte einen entsprechenden Vermerk gibt, setzen die Servierroboter ihre Vorschriften ohne Ausnahmen durch.

Diese Welt verwehrt einer alten Dame zwar den Wodka, nicht aber den Sterbewunsch. Aktive Sterbehilfe, genannt End-of-Life-Service (kurz: EOL), ist längst als Dienstleistung etabliert. Sie gilt als *„human und volkswirtschaftlich sinnvoll*“. Ein Kollege von Emi erzählt ihr ganz selbstverständlich davon, wie sein Großvater mit End-of-Life-Service starb.

## Live-in-Roboter Pawlowitsch

Der Pflegeroboter Pawlowitsch (Josef Ellers) heißt laut Medizinproduktberaterin Selma eigentlich PFA. Es ist Frau Winkler, die ihm den Namen Pawlowitsch gibt (nach dem Schriftsteller Anton Pawlowitsch Tschechow, dessen Stück *Drei Schwestern* eine große Rolle in dem Film spielt). Bei seiner Vorführung zeigt sich, wie formbar der Roboter eigentlich ist: man muss kaum Rücksicht auf ihn nehmen, man kann ihn beschimpfen (davon macht Frau Winkler ausgiebig Gebrauch), man kann ihn umbenennen, kann ihn mit einer anderen Stimme, in einer anderen Sprache oder Dialekt sprechen lassen, man kann ihm eine Identität nach eigenen Wünschen vorgeben.

Was im Fall einer Maschine eine Vermenschlichung darstellt, wäre bei einem Menschen eine Entmenschlichung. Man kann also Dinge von einer Maschine verlangen, die man von einem Menschen nicht verlangen kann. Etwa große Literaturklassiker zu zitieren (Tschechows *Drei Schwestern* zum Beispiel) oder in die Rolle einer anderen Person zu schlüpfen.

Und genau deshalb muss Frau Winkler sich vor Pawlowitsch nicht schämen, wenn er ihr beim Anziehen oder beim Wechsel der Inkontinenzvorlagen helfen muss. Er ist kein Gegenüber, das über sie urteilen kann.

Vergleicht man Pawlowitsch mit realen Pflegearrangements, entspricht er in seiner Funktion mehr oder weniger einer Live-in-Kraft die man sich häufig aus Osteuropa nach Deutschland vermitteln lässt, hat einer solchen gegenüber aber einen unschlagbaren Vorteil: Er hat keine menschlichen Bedürfnisse und ist nahezu unbegrenzt belastbar. Er braucht kein Bett, kein Zimmer, keine Intimsphäre, lediglich seine Dockingstation.

Ein Pflegeroboter kann sich nahezu vollständig nach der pflegebedürftigen Person und ihren Belangen richten. Praktischerweise weiß Pawlowitsch durch Frau Winklers bisheriges Internetverhalten auch alles über sie und ihre Vorlieben und kennt sie daher *„besser als jeder Mensch“*. Auf einen anderen Menschen muss man sich einlassen und sich mit seiner Persönlichkeit und seinen Befindlichkeiten auseinandersetzen, selbst oder eben gerade als pflegebedürftige Person. Auch die professionellste Pflegekraft kann ihr eigenes Selbst nicht komplett hintenanstellen und sich vollständig anpassen. Bei An- und Zugehörigen besteht zudem noch eine gemeinsame Geschichte und die Pflegesituation kann die bisherige Beziehung maßgeblich verändern.

Jedoch lässt Pawlowitsch Frau Winkler nicht alles durchgehen:

> „Sprache kann verletzen und mein sensibles Spracherkennungsprogramm reagiert darauf.“

So verordnet er ihr eine Meckerstunde (*Bitchin' Hour*), um ihr Gemecker und Geschimpfe auf eine Stunde am Tag zu begrenzen. Im weiteren Verlauf sehen wir dann wiederum, dass er versucht, ihr ein Spiegelei zu braten, da sie die ausgewogenen Mahlzeiten, die von einem anderen Roboter geliefert werden, ablehnt. Auch verschafft er ihr im Restaurant ein Glas Wodka (er sichert dem Servierroboter die Kostenübernahme zu).

Bedenkt man, wie rigoros die Servierroboter im Restaurant agieren, muss man davon ausgehen, dass Pawlowitschs Reaktionen vom Hersteller so gewollt und kein „Programmfehler“ sind. Möglicherweise dienen sie dazu, Zugang zu ihr zu bekommen, „menschlicher“ von ihr wahrgenommen zu werden. Schließlich schafft er es auch, sie zu aktivierenden Spielen und zu Spaziergängen nach draußen zu bewegen. Und Frau Winkler öffnet sich ihm, erfährt so noch ein paar letzte heitere Momente in ihrem Leben inklusive einer Versöhnung mit der Tochter.

Allerdings überwacht Pawlowitsch sie auch. Er zeichnet regelmäßig ihre Vitalparameter auf und filmt Frau Winkler selbst über eine eingebaute Kamera, um beides an ihre Tochter zu schicken. Es ist die Angehörige, die weiterhin die Kontrolle oder zumindest den Überblick über die Versorgung der pflegebedürftigen Person behält.

Bemerkenswert ist die Szene, in der Pawlowitsch durch die Imitation der Melancholie von Frau Winkler und der Produktberaterin Selma selbst in eine depressive Stimmung rutscht. Nun müssen die beiden Frauen sich um den Pflegeroboter kümmern und ihn aufmuntern, damit er aus seiner Verstimmung wieder herausfindet. Und obwohl zumindest Selma bewusst ist, dass Pawlowitsch lediglich menschliche Kommunikation imitiert, wird er in diesem Moment wie ein menschliches Wesen behandelt, auf dessen Gefühle man Rücksicht nehmen muss.

## Produktberaterin Selma (oder doch Pflegefachperson?)

Produktberaterin Selma (Via Jikeli) bildet in mehrerlei Hinsicht einen Gegenpol zu Pawlowitsch. Wenn sie die Familie zum Einsatz des Pflegeroboters berät und die Vorzüge des End-of-Life-Services anpreist („*human und volkswirtschaftlich sinnvoll*“), tut sie das sehr nüchtern und geschäftsmännisch, anders als Pawlowitsch, der schon früh seine Verletzlichkeit zum Ausdruck bringt und Frau Winkler (und uns Zuschauenden) eine Art menschliche Seite vermittelt. Selma ist es auch, die mit dem Theater nichts anfangen kann, während Pawlowitsch durch sein Sprachmodell und eine umfangreiche Datensammlung fast schon Poesie betreibt.

Selma ist die (menschliche) Vertreterin eines technokratischen Systems, das die Fürsorge hochbetagter Menschen verwaltet und organisiert. Ihr Job ist in erster Linie, den Robotereinsatz zu koordinieren, die Familien darin anzuleiten und zu beraten und das System zu überwachen. Im Gespräch mit Emi, die hin- und hergerissen ist zwischen der Sorge um ihre Mutter und ihren eigenen Lebenswünschen, agiert Selma solange souverän, wie sie (technische) Lösungen parat hat. Gibt es diese nicht, misslingt auch ihr die Gesprächsführung.

Als feste Ansprechpartnerin macht Selma immer wieder Hausbesuche bei Frau Winkler, der Kontakt zu ihr wird immer persönlicher. Dabei sehen wir auch, wie ihre coole und fachmännische Fassade zu bröckeln beginnt: sie selbst scheint als junger Mensch überfordert mit der technisierten Welt, in der Menschen auch weiterhin effizient arbeiten sollen, während die Weltlage unsicherer wird.

Selma wird in die Theaterspiele miteinbezogen, die Frau Winkler daheim mit Pawlowitsch inszeniert. Durch die Worte und das Spiel beginnt Selma ihre eigene Menschlichkeit wiederzuentdecken, verborgene Gefühle und Empfindungen, den Wunsch nach Zuwendung und die Schönheit des Unperfekten und Lebendigen.

Als sich Frau Winklers Zustand in ihrer Anwesenheit verschlechtert, ist Selma emotional mit eingebunden. In einer Szene sehen wir, wie sie Frau Winkler gemeinsam mit Pawlowitsch ins Bett hilft und ihn mit einem „*Pass gut auf sie auf*“ verabschiedet. Auch sie als Technikverständige kommuniziert mit dem Pflegeroboter wie mit einem Menschen.

An einigen Stellen nimmt Selma also durchaus die Rolle einer Pflegefigur ein, auch wenn dies nie ausdrücklich gesagt wird (da auch Pflegefachpersonen heutzutage als Medizinproduktberatende tätig sind, wäre dies auch nicht ausgeschlossen). Selma als Pflegefachperson hätte der Erzählung noch eine weitere Ebene hinzufügen können, in der man darüber reflektiert, wie sich auch der Pflegeberuf durch die zunehmende Technisierung verändert. Was macht es mit einer Pflegefachperson, wenn sie sich mehr um Maschinen, als um Menschen kümmert? Bleibt noch Raum für Zuwendung oder wird die Arbeit auf Koordination und Datenmanagement begrenzt?

## Keine neue Pflegewelt

Der Film gibt uns eine Idee davon, wie Pflege durch einen Pflegeroboter aussehen könnte, bleibt aber bei einem eingeengten und vereinfachten Verständnis von Pflege sowie der technischen Möglichkeiten hängen.

Wir sehen Pawlowitsch mit klobigen und ungelenken Fingern Tabletten richten, obwohl effiziente Automaten dafür jetzt schon existieren und angewandt werden. Wenn Pawlowitsch den nicht humanoiden Saugroboter in die Abstellkammer sperrt, weil er nicht mit so einer veralteten Technik zusammenarbeiten möchte, bekommt man fast ein wenig Angst, dass er in der nächsten Szene einen Handstaubsauger hervorholt.

Wir sehen zwar sprechende Kühlschränke, aber das Pflegebett sieht noch so aus wie heute.

Während man in unserer Gegenwart jetzt schon überlegt, wie verschiedene technische Lösungen und Dienstleistungen sowie Qualifikationsniveaus im Pflegeberuf so miteinander kombiniert werden können, dass im besten Fall ein maßgeschneidertes Versorgungspaket dabei herauskommt (wenn es denn refinanziert wird), geht der Film noch immer von der einen Person aus, welche die Pflege alleine erbringt, und hier einfach 1:1 durch einen Roboter ersetzt wird. Neue Technik, alte Probleme - Pflegeedition.

Hinzu kommt, dass sich Frau Winkler bis zum Schluss in der glücklichen Situation befindet, kognitiv kaum eingeschränkt zu sein. Sie kann ihren Willen noch äußern, sich ausdrücken und Entscheidungen treffen. Sie versteht die Situation, in der sie sich befindet und hat so wenigstens noch ein gewisses Maß an Kontrolle. Sogar tanzen ist ihr mit Pawlowitsch noch möglich. Bei einer fortgeschrittenen Demenz ließe sich die Handlung nicht mehr ganz so heiter erzählen. Frau Winklers Schimpftiraden und Beleidigungen sind sympathisch, solange sie im vollen Besitz ihrer geistigen Fähigkeiten ist. Unkontrolliert und orientierungslos sähe das schon wieder anders aus. Wie viel Autonomie gibt man einem Roboter über jemanden, der sich selbst und/oder seine Umgebung nicht mehr erkennt? Für wen wäre der End-of-Life-Service eine Erlösung? Für Frau Winkler oder ihre Familie? Diesen Fragen geht der Film durch die noch erhaltene Rüstigkeit der Protagonistin aus dem Weg.

## Resümee

*Frau Winkler verlässt das Haus* ist warm und unterhaltsam, die Schauspieler\*innen, allen voran Angela Winkler, sind großartig, und das ist eine seiner Stärken. Groß ist der Film auch in seiner Liebeserklärung ans Theater. Die Interaktion zwischen Mensch und Maschine ist Simulation und Imitation. Doch im Theaterspiel findet der Mensch Wahrhaftigkeit. Und wir bekommen kein düsteres Bedrohungsszenario und kein Roboterbashing, aber doch ein Plädoyer für unsere Menschlichkeit.

Angesichts der beiden großen Themen Pflege und technische Entwicklung, die die Diskurse unserer Gegenwart maßgeblich mitbestimmen, hätten dem Film aber vielleicht ein paar Zumutungen für Zuschauende gutgetan. Die Fragen, die der Film aufwirft, werden so beantwortet, dass es nicht wehtut. Der Pflegenotstand dürfte allerdings, so wie derzeit politisch und gesellschaftlich damit umgegangen wird, sehr vielen Menschen sehr wehtun. Er tut es ja schon jetzt.

Nichtsdestotrotz muss man dem Film zugutehalten, dass er sich dem Thema stellt und einem großen Publikum zugänglich macht. Vielleicht können wir von dort aus endlich weiterkommen.

Wer also das Kino seines Vertrauens wieder etwas unterstützen möchte, hat aktuell eine gute Gelegenheit.