Ein simpler Eingriff - Steckbrief -
Autor*in: Yael Inokai
Published: 2022
Verlag: Hanser Verlag
Setting: unklar
Pflegefigur: Krankenschwester
Zeit: unklar
Herzlich willkommen zu meiner allerersten Buchbesprechung auf diesem Blog. Ich freue mich sehr, mein Projekt mit einem sehr lesenswerten Roman beginnen zu dürfen. Denn dieser Roman, der übrigens nicht von einer Pflegekraft geschrieben wurde, gibt uns einiges mit, worüber man im Pflegeberuf nachdenken sollte.
Worum es geht
Meret ist Krankenschwester und sehr stolz auf ihren Beruf. Sie darf „dem Doktor“ (sehr viel mehr erfahren wir über die Figur nicht) bei einem neuartigen Eingriff assistieren, der Patient*innen von ihrem Leiden kurieren soll, indem er das Krankhafte entfernt.
Merets Aufgabe während des Eingriffs ist es, die Patientinnen (es sind meistens Frauen) zu beruhigen und ihnen die Angst zu nehmen. Und sie macht ihre Arbeit gut, weil sie, so glaubt sie, „das Mitgefühl beherrsche“.
Meret ist also überzeugt davon, und „der Doktor“ bestätigt sie darin, dass sie mit ihrer Arbeit einen wichtigen Beitrag leistet. Sie glaubt an den medizinischen Fortschritt, zu dem eben auch Rückschläge gehören, d.h. wenn sich die erhoffte Heilung nicht einstellt oder Komplikationen eintreten.
Doch ihr Stolz und ihre Überzeugungen geraten ins Wanken: eine Patientin fällt nach dem Eingriff in einen komatösen Zustand. Meret verliebt sich in ihre neue Mitbewohnerin, die dem neuen Eingriff skeptisch gegenüber steht. Und sie trifft eine frühere Patientin wieder, die als Jugendkriminelle dem Eingriff unterzogen wurde und nun für Kost und Logis in der Krankenhauswäscherei arbeitet.
Nach und nach beginnt auch sie selbst, die Behandlung und ihre Rolle dabei zu hinterfragen.
Die Autorin spricht in diesem klugen Roman verschiedene Themen an, die für den Pflegeberuf aktuell sind.
Berufsstolz
Da ist die Sache mit dem Berufsstolz. Wir lesen, wie die Protagonistin sich mit ihrem Beruf identifiziert und ihre Dienstkleidung mit Stolz trägt. Sie ist stolz auf ihre Mitwirkung bei der Krankenbehandlung. Sie ist stolz, dass „der Doktor“ sie aus den Reihen der anderen Schwestern ausgewählt hatte, um ihm zu assistieren.
Diesen Stolz verbindet sie dabei auch mit ihrer Dienstkleidung.
Ich war stolz darauf, wer ich war, wenn ich die Uniform trug. Ich erinnere mich ganz genau an das Gefühl in der Umkleide, Morgen für Morgen, der weiße, gestärkte Stoff auf meiner Haut, das Schließen der Knöpfe, das Anstecken der Uhr, das Aufsetzen meiner Haube. Die Person, die ich dann wurde. Nichts anderes war ich je lieber gewesen im Leben.
Wir sehen aber auch, wie fragil dieser Stolz sein kann, wenn man nicht mehr überzeugt davon ist oder sein kann, dass man seinen Patient*innen etwas Gutes tut. Oder wenn man die Unterstützung „des Doktors“ verliert, weil man seine Funktion für ihn nicht mehr erfüllt.
Psychiatriekritik
Der Eingriff wird in diesem Roman nie konkret benannt. Der Bezug zur Lobotomie ist aber naheliegend. Die Lobotomie war für die Psychiatriekritik und die Antipsychiatriebewegung ab den 1960er Jahren von zentraler Bedeutung. In der Popkultur steht die Lobotomie noch heute für psychiatrische sowie patriarchale Gewalt.
Die Kritik an diesem Eingriff ist in „Ein simpler Eingriff“ dabei nicht laut und aufwühlend. Mit einer gewissen Ruhe wird erzählt, wie sich die Protagonistin etwa vom „Doktor“ erklären lässt, dass es lediglich darum ginge, „die Arbeitsfähigkeit dieser Menschen“ wiederherzustellen. Oder dass „Neigungen, die nicht in einen Menschen gehören“ (dazu kann auch die lesbische Neigung einer Frau gehören), „nicht unbehandelt bleiben“ müssten.
Es ist aber auch eine Kritik am Fortschrittsdenken. So denkt Meret beispielsweise darüber nach, dass Rückschläge nun mal „der logische Preis des Fortschritts“ seien, sich aber „am Ende auszahlen“ würden, und wird dann mit Patientinnen konfrontiert, für die sich diese Rückschläge eben nicht ausgezahlt haben.
»Fortschritt kann schmerzhaft sein. Die Dinge werden besser, aber zuerst werden sie schlimmer. So ist es eben«, sagte der Doktor.
Eine besondere Schwester
Zentral ist in dieser Geschichte auch die Hierarchie zwischen Arzt und Krankenschwestern. Es ist „der Doktor“, der darüber verfügen kann, ob Meret mehr Zeit für eine bestimmte Patientin bekommt, oder ob sie sich, gemeinsam mit den anderen Schwestern, im eng getakteten Stationsalltag um die anderen Patient*innen kümmern soll. Es ist „der Doktor“, der Meret quasi auserwählt, um ihm zu assistieren. Indem er sie in sein Büro zum Kaffee einlädt, gibt er ihr das Gefühl, eine ganz besondere Krankenschwester zu sein.
Es war nicht üblich, dass ein Arzt nach unserer Arbeit fragte. Nicht so offen. Üblicherweise taten sie einiges, um zu kaschieren, dass sie unser Wissen benötigten.
Es ist ihre Mitbewohnerin und Geliebte, die die Situation durchschaut:
»Kriegst du Kaffee serviert in seinem Büro?« Sie blickte zu mir. »Sagt er dir, dass du was Besonderes bist, dein Doktor? Das möchtest du doch gerne sein, oder? Etwas Besonderes?« Sie schüttelte den Kopf.
»Du bist aber nicht anders als wir, weißt du das? Du spielst sein Spiel mit. Es bleiben seine Regeln.« Sie drehte sich zu mir um und legte die Hand auf ihre Brust. »Du bist genauso wie ich.«
Der Doktor erklärt Meret, dass er sich „für das Mitgefühl [interessiere]“ und „inwiefern die menschliche Komponente bei der Behandlung eine Rolle spiele“. Aber eigentlich instrumentalisiert er sie. Er benötigt Merets Kompetenz und ihr Mitgefühl, um den Eingriff durchzuführen. Dafür belohnt er sie mit einer Sonderstellung. Sobald das Mitgefühl Meret aber dazu veranlasst, den Eingriff zu hinterfragen, versetzt er sie auf eine andere Station und stellt sie unter Beobachtung.
Pflegebeziehung
Meret reflektiert auch über die Beziehung, die sie zu ihren Patient*innen aufbaut. Diese ist geprägt von einer Informationsasymmetrie, die der professionellen Pflegebeziehung oft inhärent ist.
Ich wusste soviel über sie, und sie wusste gar nichts über mich.
Diese Informationsasymmetrie beschränkt sich dabei nicht nur auf die Fürsorge. Die hilfesuchenden Patientinnen und ihre Angehörigen verstehen nämlich weder den Eingriff, noch seine möglichen Konsequenzen. In einer Schlüsselszene wendet sich eine Patientin unsicher an Meret und fragt, ob „wirklich nichts“ gegen diesen Eingriff spräche. Bislang konnte Meret Zweifel in der Regel mit den Worten „Sie wird niemandem mehr zur Last fallen“ besänftigen, doch dieses Mal machte sie der Familie keine falschen Hoffnungen. Mit dem Ergebnis, dass die Zustimmung zu diesem Eingriff zurückgezogen wurde.
Auch wird die Frage nach Nähe und Distanz gestellt:
Die Schwestern sagten: Steh jeden Morgen auf wie am Morgen zuvor, iss, trink deinen Kaffee, steig auf dein Fahrrad, komm hierher, erledige deine Aufgaben, und dein Kopf wird dir treu bleiben. Du wirst mit jeder Wiederholung besser werden, bis die Arbeit in dir drin ist. So wie deine Lungen in dir drin sind. So wie dein Herz in dir drin ist. Dann wirst du keine Angst mehr davor haben, dass dir etwas zu nahegeht. Du wirst das große Ganze sehen statt der einzelnen Gesichter: (...)
Rituale und Routinen sollen vor zu viel emotionaler Nähe schützen. Und Meret sieht zunächst das große Ganze, sie sieht, dass die Rückschläge in dieser Therapie sich irgendwann auszahlen werden. Doch dann beginnt Meret die Gesichter dieser Rückschläge zu sehen.
Wenn man nichts mehr tun kann
Die Autorin lässt Meret aber auch über die Bedeutung der Krankenpflege nachdenken, wenn medizinische Maßnahmen ausgeschöpft sind.
Es kam oft genug vor, dass wir nichts mehr tun konnten. Nichts mehr tun, so hätten es andere Schwestern nie formuliert. Wir waren ja bis zum Ende da, und darüber hinaus.
Wenn es im Krankenhausalltag oft noch heißt „Es wird nichts mehr gemacht“, ist damit gemeint, dass keine weitere Therapie oder lebensverlängernde Maßnahmen durchgeführt werden. Für die Pflege bedeutet es in der Regel nicht, dass „gar nichts“ gemacht wird.
Durch Meret erleben wir aber auch, wie schwer es auszuhalten ist, einfach nur „da zu sein“. Wenn der andere nicht antwortet oder reagiert, wenn sein „Körper nach nichts verlangt“ und einem nichts „zu tun“ gibt.
Ich war froh über jede Aufgabe. War dankbar, wenn ich eine zweite Schwester benötigte und sie vielleicht noch einen Moment länger im Zimmer blieb als nötig. Die Stunden, in denen Mariannes Körper nach nichts verlangte, weder Nahrung noch Pflege benötigte - sie blieben eine Prüfung für mich.
Sie lag stets da, so, wie ich sie zurückgelassen hatte. Ich war wertlos mit meiner Anwesenheit, ich hätte geradeso gut ein Hut in diesem Zimmer sein können.
Gleichzeitig kann man aber auch in so einer Situation einen Menschen nicht einfach alleine liegen lassen.
Wir Schwestern saßen bei Sterbenden. Das lernten wir. Wir lernten, dass unsere Anwesenheit manchmal alles war, was wir geben konnten. Und wie viel sie bedeutete.
Und als die Patientin wieder aus diesem komatösen Zustand erwachte, verlangte sie nach Meret. Vielleicht erinnerte sie sich lediglich daran, dass Meret während des Eingriffs bei ihr war. Vielleicht erinnerte sie sich aber auch daran, dass Meret bei ihr geblieben ist.
Pflege im System
Und nicht zuletzt lässt „Ein simpler Eingriff“ uns auch über die Rolle des Pflegeberufs „im System“ nachdenken. Denn in dem Moment, als Meret Partei für ihre Patientin ergreift und für ihre Belange einsteht, kann sie nicht mehr weiter in dieser Klinik arbeiten. Sie muss der Profession, zumindest vorläufig, den Rücken kehren. Meret muss das System verlassen, weil sie darin nicht mehr arbeiten kann.
Und hier zeigt sich auch die Verstrickung des Pflegeberufs im jeweiligen Versorgungssystem und dem darin zugrunde liegenden Menschenbild.
Wie kann man die Rolle der Fürsprecherin der Patient*innen einnehmen, wenn man selbst Teil des Systems ist? Wenn man fürchten muss, seinen Job zu verlieren? Wie vertritt man die Belange der Patient*innen, wenn das vorherrschende Menschenbild andere Belange definiert?
Resümee
„Ein simpler Eingriff“ ist ein wunderbarer, kluger Roman, der viele Fragen und Gedanken zur Krankenpflege aufwirft und uns darüber nachdenken lässt.
Große Empfehlung für alle Berufskolleg*innen, nicht nur in der Psychiatriepflege.