Marlene die Wolf-Krankenschwester im Gestaltwandler Ärztezentrum

Marlene die Wolf-Krankenschwester im Gestaltwandler Ärztezentrum

Das Gestaltwandler-Ärztezentrum - Steckbrief -

Titel der Serie: Drachen-Doktor; Wolf-Krankenschwester; Bären-Gynäkologe, Löwen-Sanitäter
Autor*in: Sansa Moon
Published: 2022
Verlag: Selfpublishing
Setting: Ärztehaus bzw. Krankenhaus (engl. Medical Center)
Pflegefigur: Krankenschwester

Ich entdeckte die „Wolf-Krankenschwester“ auf der Suche nach geeignetem Material für diesen Blog. Es handelt sich um den zweiten Teil der Romanserie „Das Gestaltwandler-Ärztezentrum“, zu dem auch die Titel „Drachen-Doktor“, „Bären-Gynäkologe“ (Men or Bear?) und „Löwen-Sanitäter“ gehören. Da die Romane für sich alleine stehen, hätte es eigentlich genügen müssen, die "Wolf-Krankenschwester" zu lesen. Aber ich begann aus Neugier einen weiteren zu lesen und stellte schnell fest, dass man mehr über die "Wolf-Krankenschwester" lernt, wenn man die ganze Serie liest (was ich ausdrücklich nicht empfehle).

Ein Trivialroman

Wir haben es hier mit Trivialliteratur zu tun. Man kennt sicherlich die kleinen Heftromane (Groschenromane) in Zeitschriftenregalen. Auf Plattformen wie Kindle (Amazon) findet es nochmal zusätzliche Verbreitung, auch durch Indie-Autor*innen. Beim Gestaltwandler-Ärztehaus wird zum Beispiel kein Verlag benannt. Am Prinzip Trivialroman hat sich dabei nichts verändert: er braucht Spannung und er braucht ein Happy End, seine Charaktere sind in der Regel protoypisch, der Handlungsverlauf verfolgt ein standardisiertes Muster. Das Setting dient dabei in erster Linie der Kulisse. (vgl. Panke-Kochinke 2019)

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Wer mehr über Krankenschwesternromane in der Trivialliteratur erfahren möchte, dem sei die Analyse von Birgit Panke-Kochinke ans Herz gelegt: https://www.mabuse-buchversand.de/mabuse/mabuse-e-books/krankenschwesternromane-1914-2018-e-book-pdf_pid_343_18833.html

Die Kulisse

So ist die Romanreihe zwar in einer Kombination aus Paranormal-/Shape Shifter-Fantasy und Krankenhausroman angesiedelt, das spielt für die Handlung aber keine Rolle. Im Fokus steht ausschließlich das Paar, das Konflikte und Hindernisse überwinden muss, um zusammen zu finden. Mit dem Happy End lösen sich dann auch alle Konflikte in Wohlgefallen auf. Jede dieser Liebesgeschichten könnte genau so in einem anderen Setting stattfinden.

Deshalb finden wir in dieser Reihe so gut wie kein Worldbuildung oder Magiesystem, obwohl dies in der Fantasayliteratur wesentlich ist. Auch das Krankenhaus-Setting ist kaum ausgearbeitet. Wir erfahren nur soviel, wie es für den Spannungsbogen erforderlich ist.

Wir erfahren, dass Gestaltwandler sich in ein bestimmtes Tierwesen verwandeln können und dieses auch mit dem Körper und der Persönlichkeit verbunden ist. Dies ermöglicht zum Beispiel Verhaltensweisen der Charaktere zu erklären. Der Drachen-Doktor zum Beispiel, kann sich nicht nur in einen Drachen verwandeln, sondern auch mit seinen Fingern Hitze erzeugen und damit zum Beispiel Verletzungen "verlöten". Der alleinerziehende Bären-Gynäkologe wird als fürsorglicher "Papa-Bär" charakterisiert, weil seinem "inneren Bären" diese Eigenschaft zugeschrieben wird. (Tatsächlich sind Bären ja Einzelgänger und die Männchen befassen sich nach Paarung nicht mit ihrem Nachwuchs).

Wir erfahren aber auch, dass "normalsterbliche" Menschen und sog. "Halblinge" (Kinder die von einem Gestaltwandler und einem Menschen gezeugt wurden) unter Gestaltwandlern abgelehnt werden, weil es einen Konflikt erzeugt, aber wir erfahren nichts weiter darüber.

Das Rudeldrama

Kommen wir nun zur Wolf-Krankenschwester Marlene. Wir erfahren, dass sie eigentlich eine Tochter aus gutem Hause, einem angesehenen und wohlhabenden Wolfsrudel (allesamt Wolf-Gestaltwandler), ist. Ihr Vater ist der Alpha-Wolf. Sie hat die Familie aber verlassen, weil sie sich nicht in die vorgesehene Rolle als Ehefrau des Nachfolge-Alphas fügen wollte (auch als Erstgeborene darf eine Frau nämlich nicht selbst Alpha werden; dem passenden Nachfolgekandidaten hatte man sie netterweise schon in frühen Jahren versprochen). Sie wollte, wie man so schön sagt, ihren eigenen Weg gehen.

Sie freundet sich mit ihrem menschlichen Nachbarn Frank an, der auch schon ihr Patient gewesen ist, was im Drachen-Doktor erzählt wird. Als sie für eine Familienfeier ein Date benötigt, erklärt er sich freundlicherweise bereit, als Fake-Date auszuhelfen. Da er kein Gestaltwandler ist, wird er durch Magie als solcher getarnt.

Es kommt, wie es nun mal kommen musste. Sie verlieben sich ineinander, der Konflikt mit ihrem Alpha-Vater eskaliert und sie sagt ihm endlich die Meinung: sie möchte selbst Alpha sein, statt Ehefrau des Alphas und natürlich möchte sie sich ihren Ehemann selbst aussuchen. Ihr Vater macht ihr deutlich, was er davon hält und dass er den "Halbling" mit dem sie gerade schwanger geworden ist (die Empfängnis geschah einen Tag zuvor in einer explizit beschriebenen Sexszene; sie hatte immerhin schon Morgenübelkeit) nicht akzeptieren wird. Sie emanzipiert sich, hat aber den Rest der Familie und das Rudel hinter sich, das netterweise darüber abgestimmt hat, dass es sowohl Marlene als Alpha, ihre Ehe mit einem normalsterblichen Menschen und ihr Kind akzeptiert. Nach der Geburt des gemeinsamen Kindes nähert sie sich wieder ihren Eltern an, weil der Anblick eines Enkelkindes nunmal auch das Patriarchenherz des Alphas erweichen lässt.

Dieser Plot ist (sieht man mal von ein paar Fantasy-Elementen ab) nicht außergewöhnlich und tut erst einmal das, was er in einem Trivialroman nun einmal tun soll: Spannung und ein Happy End. Sowohl ihr Krankenpflegeberuf als auch das Gestaltwandler-Setting sind vollkommen austauschbar und spielen für die Handlung keine Rolle. Die Geschichte hätte genau so in einer Adelsfamilie oder einer Unternehmerdynastie erzählt werden können. Die Protagonistin hätte auch Sekretärin oder Lehrerin sein können und es hätte nichts an der Handlung in ihrem eigenen Roman verändert.

Lediglich in einer Szene wird eine Verbindung zum Krankenpflegeberuf hergestellt, wenn Frank nämlich denkt:

Er dachte an ihre Zeit im Zentrum zurück, daran, wie souverän sie dort war, wie freundlich und rücksichtsvoll, wie sie sich für jeden ihrer Patienten—nicht nur für ihn—Zeit nahm. Wie sie zuhörte, sich um jeden kümmerte und auf jeden achtete, der in ihre Obhut kam, und er erkannte, dass sie eine hervorragende Anführerin sein würde.

Das ist insofern interessant, dass aus den "Soft Skills" des Pflegeberufs, eine Begabung zum Führen abgeleitet wird. Es soll womöglich aber auch erklären, warum eine Frau, die ihre Familie verlässt, weil sie eigentlich selbst führen möchte, dann ausgerechnet den Pflegeberuf ergreift, der in der Regel nicht mit Führung assoziiert wird.

Wie die Wolf-Krankenschwester arbeitet

Auffallend an der "Wolf-Krankenschwester" ist: man sieht sie nicht einmal in ihrer Berufstätigkeit. Wir erfahren hin und wieder, dass sie mal vom Dienst nach Hause kommt oder dass Frank sich daran erinnert, wie sie ihn im Krankenhaus als Patient versorgte. Aber ansonsten sehen wir sie in ihrem eigenen Roman nicht arbeiten.

Ganz anders sieht es bei den männlichen Protagonisten der anderen Titel aus. Beim Drachen-Doktor und dem Löwen-Sanitäter spielt sich die Handlung in ihrer Arbeit ab, wo es sogar ein medizinisches Rätsel zu lösen gilt. Beim Bären-Gynäkologen steht zwar weder die Arbeit noch ein medizinisches Rätsel im Fokus, aber man sieht ihn zumindest in einzelnen Szenen bei der Arbeit.

Die Wolf-Krankenschwester ist somit die einzige Protagonistin, die in ihrem eigenen Roman nicht arbeitet. Dafür ist sie interessanterweise die einzige Figur, die in allen Bänden der Reihe "Gestaltwandler-Ärztehaus" auftaucht. Beim Bären-Gynäkologen ist sie zwar auf ihre Funktion als Mutter beschränkt, doch beim Drachen-Doktor und beim Löwen-Sanitäter, können wir sie sogar mal bei der Arbeit erleben. In einer Szene beim Drachen-Doktor kommt dabei sogar eine Gestaltwandlerfähigkeit zum Einsatz:

Aiden winkte eine der Krankenschwestern herbei. Sie war eine reinrassige Werwölfin, und ihr ausgeprägter Geruchssinn war für den medizinischen Beruf immer von Vorteil gewesen. Er nickte ihr zu und deutete ihr zu sehen, was sie herausfinden konnte. Sie gehorchte, beugte sich leicht vor und richtete sich sofort wieder auf.
„Da ist eindeutig etwas faul“, bestätigte sie.
„Gift“, sagte Lily und half dabei, dem Sterblichen die Hose auszuziehen, während sich das Team konzentrierte und damit begann, das richtige Gegenmittel zu finden.

Aus diesem Absatz lässt sich einiges herauslesen. Erstens: Ihr Geruchssinn ist eine angeborene Fähigkeit, kein Skill den sie sich durch Ausbildung oder Erfahrung angeeignet hat. Es erinnert ein wenig an Mythen wie dem „Schwesterninstinkt“ oder einer anderen Art von „Gabe“, die es einer Pflegekraft ermöglicht, eine Situation richtig einzuschätzen, bevor harte objektive Fakten dies vermögen oder eine gelingende Interaktion mit dem Patienten zu führen.

Zweitens: Ihr Geruchssinn scheint zwar von Vorteil „für den medizinischen Beruf“ zu sein, aber offenbar nicht für ihren eigenen. Wo sie als Krankenschwester nur feststellen kann, dass da „etwas faul“ sei, ist es die Assistenzärztin Lily, die daraufhin die Diagnose „Gift“ stellt und damit den weiteren Behandlungsverlauf initiiert, indem sofort nach dem Gegengift gesucht wird (wobei dann die Assistenzärztin beim Entkleiden des Patienten behilflich ist). Immerhin, das will ich nicht unterschlagen, wird später noch erzählt (nicht gezeigt), dass die Wolf-Krankenschwester, (wie auch immer) herausfindet, um welche Art Gift es sich handelt und dafurch das passende Gegengift schneller gefunden wird.

Drittens: Zumindest in der deutschen Übersetzung „gehorchte“ die Wolf-Krankenschwester dem Arzt. Sie führt keine Anordnung aus, sie nickt nicht, sie stimmt nicht zu, sie folgt keinem Vorschlag, sie kam der Anordnung nicht nach, nein „sie gehorchte“. Es ist schwer, dies nicht als Ausdruck eines Unterordnungsverhältnis zwischen Arzt und Pflegekraft zu deuten. (Allerdings wird dem im Band "Wolf-Krankenschwester" widersprochen, wenn Frank in ihr eine "hervorragende Anführerin" sah, gerade weil sie eine so gute Krankenschwester sei.)

Nun könnte man natürlich sagen, Ärzt*innen haben aufgrund einer umfangreicheren Ausbildung fachlich nunmal viel mehr zu sagen als Pflegekräfte. Also sehen wir uns doch mal die Arbeit des Löwensanitäters an.

Der Löwensanitäter rettet nicht nur seine Patientin (und Love Interest) nach einem Unfall und bringt sie ins Krankenhaus, wo er eine fachlich fundierte Übergabe macht, nein, er betreut sie im Krankenhaus weiter. Und sogar darüber hinaus: er fährt sie mit seinem Auto nach Hause und “installiert“ dort (magisch) einen Überwachungsmonitor und er begleitet sie auch an den darauffolgenden Tagen bei Untersuchungen um das medizinische Rätsel dieser Patientin zu lösen. Zugegeben, er hat eine persönliche Geschichte mit ihr, die im Laufe der Patientenbetreuung aufgearbeitet wird.

Für gewöhnlich endet die Betreuung durch den Rettungsdienst, sobald die*der Patient*in ins Krankenhaus gebracht wurde und eine Übergabe erfolgte. Die nachfolgende Versorgung und Überwachung ist danach in erster Linie Aufgabe der Ärzt*innen und des Pflegepersonals. Der Löwensanitäter übernimmt im Krankenhaus sogar noch die Rolle des Pflegepersonals bei der Versorgung dieser Patientin - aber nur bis zu einem bestimmten Punkt: als eine Bettpfanne benötigt wird, holt er eine Krankenschwester.

Immerhin können wir Wolf-Krankenschwester Marlene diesmal sogar im Patientenkontakt erleben. Einmal indem sie um mehr Kaffeemaschinen bittet (die Firma der Patientin plant Investitionen in die Klinik). Und ein weiteres Mal als sie die Patientin zum Ausgang begleitet, die ihr dann bescheinigt, dass sie "großartig" gewesen sei. Wofür? Das wissen wir nicht.

Die böse Krankenschwester

Im Drachen-Doktor gibt es aber auch das Gegenstück zu Marlene: Edith, die leitende Nachtschwester. Sie wird als "Rassistin" charakterisiert, die normalsterbliche Menschen (wie auch den Patienten Frank) verachtet und die Assistenzärztin Lily bedroht, weil ihre Mutter ein Mensch ist, und dies der Geschäftsführung meldet ("Halblinge" dürfen in diesem Ärztehaus nämlich nicht arbeiten, selbst wenn sie über Gestaltwandlerfähigkeiten verfügen), was zu ihrer Kündigung führt.

Im Gegensatz dazu ist Wolf-Krankenschwester Marlene "süß und unschuldig (...), egal wie viel Wolf in ihr steckte, und sie wollte immer nur das Beste für alle. Das war es, was sie zu einer so wunderbaren Krankenschwester machte."

Resümee

In dieser Serie zeigt sich ein weit verbreitetes Problem in der Rezeption des Pflegeberufs. Man kann nie so recht beschreiben und erklären, was Pflege ist und tut (irgendwas mit lieb und nett und Bettpfannen), aber man weiß irgendwie, das sie wichtig ist und die Pflegenden "großartig" und "wunderbar" sind. Und so wie die Wolf-Krankenschwester in jedem Band dieser Reihe mindestens einen Auftritt hat, so ist auch die Pflege nicht aus dem Gesundheitswesen wegzudenken. Sie ist immer irgendwie "da".

Aber Pflegende sind meistens eben auch Frauen, die nicht nur im Beruflichen aufgehen, sondern für die das Private immer noch eine wichtige Rolle spielt. Vielleicht spielt deshalb Marlenes eigener Roman auch in der privaten Sphäre, wo sie allerdings einen Führungsanspruch erhebt. Während sie als Krankenschwester zu "gehorchen" hatte, wollte sie in der familiären Sphäre führen. Den Führungsanspruch bekam sie zwar formell, aber kann ihn noch nicht ausleben (noch ist ihr Vater der Alpha). Nach dieser Episode sieht man sie auch nur in ihrer Mutterrolle. (Da ich nicht weiß, wo der Löwen-Sanitäter zeitlich angelegt ist, kann ich nicht sagen, ob Marlene in diesem Band berufstätige Mutter ist)

Unterm Strich entspricht die "Wolf-Krankenschwester" trotz des ungewöhnlichen Settings einem klassischen Krankenschwesternroman. Sie ist eine "gute" Krankenschwester und sie findet ihr Glück im Privaten. Allgemeine Wertvorstellungen der typischen Leser*innenschaft spiegeln sich in der Geschichte wieder (Diskriminierung ist schlecht, wahre Liebe ist gut). Die Hindernisse, die sich ihr in den Weg stellen werden auf individueller, nicht aber auf gesellschaftlicher Ebene gelöst (sie darf ein weiblicher Alpha sein und mit einem Menschen ein Kind kriegen, weil das Rudel damit einverstanden ist, nicht weil Tradition und Diskriminierung abgeschafft wurden).

Schade jedoch, dass der Roman, trotz interessantem Setting nicht mehr als ein Groschenroman sein wollte. Aus einer Werwolf-Krankenschwester hätte man durchaus etwas spannenderes machen können, als eine höhere Tochter, die zwar eine tolle Krankenpflegerin ist, ihr Glück aber dennoch im Privaten findet. Genauso hätten Gestaltwandler eine interessantere Auseinandersetzung mit dem Gesundheitssystem und seiner Arbeitsteilung sowie seiner Einbettung in eine Gesellschaft in der Menschen und Gestaltwandler nebeneinander leben geboten.

Naja. Wenn, wäre, hätte…